Der richtige Weg zur Medienkompetenz 

Die Erziehung zur Medienkompetenz ist ein notwendiges Erziehungsziel, daran kann kein Zweifel bestehen. Die Frage ist nur: Wie kann dieses Ziel auch wirklich erreicht werden? Es ist ja immer leichter das Ziel zu bestimmen, als den Weg dorthin genau zu beschreiben, zumal wenn es sich um Wege in Neuland handelt. Aber auch, wenn nicht alle einzelnen Schritte im Voraus benannt werden können, kann man zumindest Wegmarken bestimmen, die in die richtige Richtung weisen. Um hierzu einen Beitrag leisten zu können, sollte man sich vergegenwärtigen, was Medienkompetenz eigentlich genau ist.

 

Was ist Medienkompetenz?

 

Medienkompetenz bezeichnet die Fähigkeit verschiedene Medien sinnvoll nutzen zu können. Nun entsteht die Frage, was damit im Einzelnen gemeint ist. Wichtig sind die beiden Schlüsselbegriffe Fähigkeiten und sinnvoll. Die Frage nach dem sinnvollen Einsatz ist gerade im Zusammenhang mit den Medien schwer zu beantworten. Aus diesem Grunde soll erst später auf diesen Bereich genauer eingegangen werden. Fähigkeiten zeichnen sich durch die freie Handhabung für den einzelnen aus und setzen sich zudem aus mehreren Komponenten zusammen. Fähigkeitsbildung unterliegt denn auch immer einem Prozess der sich über einen längeren Zeitraum erstrecken muss.  

Ein wichtiger Bestandteil der Fähigkeitsbildung ist das übende Tun, da eine Fähigkeit nicht nur theoretisch ausgebildet werden kann. Eine Einzelfähigkeit setzt sich zum einen aus einzelnen Fertigkeiten und zum anderen aus anderen Fähigkeiten zusammen, die in dieser neuen Kombination auf einem neuen Felde zum Einsatz kommen. Durch diese Verknüpfung von Fertigkeiten und Fähigkeiten ist die Betrachtung einer einzelnen Fähigkeit und vor allem die Beschreibung der Fähigkeitsbildung so schwierig. Zum besseren Verständnis sei als Beispiel die Fähigkeit des Autofahrens näher betrachtet: Um Autofahren zu können, müssen spezielle Fertigkeiten ausgebildet werden. Zum einen muss der zukünftige Autofahrer die Regeln lernen, die im Straßenverkehr gelten. Zum anderen muss er die einzelnen Bedienungselemente eines Autos kennen- und bedienen lernen um selber fahren zu können (Kupplung, Bremse, Gas, Blinker, Licht, Scheibenwischer, etc.). Damit diese Fertigkeiten richtig zum Einsatz kommen können, müssen verschiedene Fähigkeiten bereits vorhanden sein. So muss der Fahrschüler zwischen rechts und links unterscheiden können. Des Weiteren muss er in der Lage sein, die einzelnen Gliedmaßen unabhängig voneinander koordiniert bewegen zu können, ohne dass seine ganze Aufmerksamkeit dadurch in Beschlag genommen wird. Wer sich an seine ersten Fahrstunden erinnert, weiß, dass gerade hier die Herausforderung liegt, die richtigen Bewegungen zur richtigen Zeit durchzuführen, ohne darüber nachdenken zu müssen. Dieser praktische Teil kann nur durch übendes Tun erworben werden und die mehr oder weniger entwickelten Fähigkeiten, die mitgebracht werden, entscheiden mit darüber, wie schnell die neue Fähigkeit des Autofahrens erworben werden kann. Zu den bereits genannten Fertigkeiten und Fähigkeiten kommt noch hinzu, dass der einzelne in der Lage sein muss, verantwortungsvoll und vorausschauend handeln zu können. Erst wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann die Prüfung bestanden werden. Die Fähigkeitsbildung ist damit aber noch nicht abgeschlossen, die praktische Anwendung des Gelernten führt zu einer Steigerung und damit zu einer größeren Sicherheit im Straßenverkehr.

Zurück zur Medienkompetenz. Ähnlich wie bei dem angeführten Beispiel gilt es nun zu schauen, welche Fertigkeiten und Fähigkeiten im Einzelnen gebraucht werden, um die Medien und speziell den Computer eigenständig nutzen zu können. Neben der Handhabung der einzelnen Komponenten (Computer, Monitor, Tastatur, etc.), ragt die Bedienung der „Maus“ heraus. Dies liegt daran, dass bei der Maus die übliche Augen–Hand Koordination nicht möglich ist. Die Bewegungen der Hand auf horizontaler Ebene zeigen ihre Wirkungen auf vertikaler Ebene (dem Monitor). Hinzu kommt, dass bei den heute üblichen Standardeinstellungen die Wegstrecken nicht in gleichem Verhältnis zueinander stehen. Eine kurze Bewegung mit der Maus bewirkt eine längere Bewegung des Cursors auf dem Bildschirm. Dass es sich hierbei um eine besondere Fähigkeit handelt, wird gerade bei etwas älteren Menschen deutlich, die erst in diesem fortgeschritteneren Lebensalter den Umgang mit dem Computer erlernen. Sobald sie den Cursor aus dem Blick verlieren, richten sie ihren Blick auf die Bewegungen der Hand, was der normalen Augen–Hand Koordination entspricht, aber eben in diesem Fall nicht weiterhilft. Da der Computer und die darauf laufenden Programme logisch mathematischen Gesetzen folgen, muss die Fähigkeit vorhanden sein,oder gebildet werden, derartige Gesetze zu erkennen  und nachvollziehen zu können. Nur dies ermöglicht den souveränen Umgang mit einzelnen Anwendungen. Um den Computer sinnvoll einsetzen zu können, muss ein gewisses Maß an Urteilsfähigkeit vorhanden sein, was die Möglichkeit der Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung beinhaltet. Betrachtet man nur diese Fähigkeiten wird deutlich, dass sie nicht oder eben nur zum Teil von einem Kind erfüllt werden können, ähnlich wie beim Autofahren. Natürlich kann auch ein 10jähriger lernen, ein Auto zu bedienen, aber die geistigen Fähigkeiten (Urteilsfähigkeit, Verantwortung für sich und andere übernehmen zu können, etc.) stellen für Kinder eine Überforderung dar, da sie eine gewisse Reife voraussetzen. Ähnliches gilt für den Umgang mit dem Computer, die Handhabung ist im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht, die eigenständige, verantwortliche Nutzung setzt eine gewisse Reife voraus. So wird heutzutage nicht zu Unrecht davon gesprochen, dass ein Computerführerschein Bestandteil der Medienkompetenz-erziehung sein soll. Problematisch ist nur, dass viele, die von einem Computerführerschein sprechen, lediglich die Fertigkeiten bilden und prüfen wollen.

 

Der sinnvolle Einsatz des Computers

 

Im Gegensatz zu anderen Medien sind Computer multifunktionale Arbeitsgeräte. Der Computer für sich betrachtet kann nichts! Erst die installierten Programme geben dem Computer seine Einsatzmöglichkeiten. Die eigentliche Sinngebung erfolgt einzig und allein durch den jeweiligen Benutzer. In diesem Sinne gibt es pauschal keine sinnlosen oder sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten für den Einsatz des Computers. Ein und dasselbe Programm kann in einem Fall eine sinnvolle Hilfe und Arbeitserleichterung sein und in einem anderen Fall sinnloser Zeitvertreib. Die Beurteilung liegt bei dem einzelnen Benutzer. Auch hierfür ein Beispiel: Wenn jemand, nur weil er ein Datenbankprogramm besitzt, seine Bücher mit diesem Programm katalogisiert, ohne später die Datenbank zu nutzen, verschwendet er Zeit und spielt eigentlich nur herum. Will jemand hingegen seine Bücher katalogisieren, da er häufiger Bücher an Freunde und Bekannte ausleiht, ist ein Datenbankprogramm eine Hilfe und der Arbeitsaufwand der Erstellung wird durch die weitere Nutzung des Programms gerechtfertigt. Um entscheiden zu können, ob der Computer im einzelnen eine Erleichterung darstellen kann, muss der einzelne natürlich wissen, welche Möglichkeiten bestimmte Programme bieten und welche Anforderungen seine vor ihm liegenden Aufgaben stellen. Die viel gepriesene Zeitersparnis des Computers wird nur bei Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte wirksam, denn nur wenn ein Programm immer wieder verwendet wird, kann der Arbeitsaufwand, der bei der Einarbeitung gefordert ist, kompensiert werden. Eigentlich kann die Frage nach dem sinnvollen Einsatz nur durch Erfahrungswerte entschieden werden, da der Maßstab bei dem einzelnen Benutzer liegt.  

Das heißt, der einzelnen muss verschiedene Wege zur Lösung eines Problems oder zur Bearbeitung einer Aufgabenstellung erprobt haben, um beurteilen zu können, welcher Weg für ihn der sinnvollere ist. Gerade durch den frühen Einsatz der Technik in der Schule wird es den Kindern immer schwerer gemacht diese Vergleichs-erfahrungen zu sammeln. Nehmen wir als Beispiel den Taschenrechner: Jemand der sicher und zügig Kopfrechnen kann, wird nur bei schwierigeren Rechenaufgaben den Taschenrechner zu Hilfe nehmen, da er aus Erfahrung weiß, dass er die Lösung bei einfachen Aufgaben bereits gefunden hat, bevor er den Taschenrechner in Betrieb gesetzt hat. Wird der Taschenrechner zu früh eingesetzt, wird die Fähigkeit des Kopfrechnens nicht mehr oder nur noch zum Teil ausgebildet. Als Folge wird auch bei einfachen Aufgaben zum Taschenrechner gegriffen, da die innere Sicherheit im Kopfrechnen nicht vorhanden ist und der Einsatz des technischen Hilfsmittels somit als sinnvoll erscheint.  

Gleiches gilt für die anderen Kulturfähigkeiten, wie zum Beispiel die Handschrift. Während also bei ausgebildeten Grundfähigkeiten der Computer eine Erweiterung derselben für die Bewältigung komplexerer Aufgaben darstellt, wird er bei zu frühem Einsatz zu einer Krücke für die nicht oder nur mangelhaft vorhandenen Grundfähigkeiten. Die Ausbildung der Grundfähigkeiten (Schreiben, Lesen, Rechnen, eigenständiges Denken) ist in diesem Sinne ein wesentlicher Bestandteil der Medienkompetenzerziehung und muss im klassischen Sinne (also unabhängig vom Computer) Bestandteil der schulischen Bildung bleiben.

 

Das Internet als Prüfstein der Medienkompetenz

 

Immer wieder machen die vielfältigen Angeboten des Internets im positiven wie im negativen Schlagzeilen. Neben der Fülle von richtigen und sinnvollen Angeboten, stehen ebenso viele falsche, sinnlose und kriminelle. Gerade im pädagogischen Einsatz der Computer stellt sich immer wieder die Frage, wie die Kinder und Jugendlichen vor pornographischen und extremistischen Inhalten geschützt werden können. Aufgrund der offenen Struktur des Internets gibt es nur eine Antwort: Gar nicht! Alle Versuche mit Filterprogrammen, die Eltern und Lehrern eine Sicherheit versprechen, scheitern in der Praxis, da entweder auch sinnvolle Inhalte durch die Programme gesperrt werden oder doch unerwünschte Angebote durch den Filter kommen. Die juristische Diskussion zu diesem Thema kommt immer wieder zu dem gleichen Schluss: Wir brauchen den selbstverantwortlichen Benutzter und die freiwillige Selbstkontrolle der Anbieter. Inwieweit sich Menschen mit kriminellem Interesse an eine freiwillige Selbstkontrolle halten werden, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Was also bleibt, ist der selbstverantwortliche Benutzer. Das heißt der einzelne muss entscheiden, welche Inhalte für ihn zuträglich und sinnvoll sind. Dies erfordert neben der Fähigkeit der Selbsteinschätzung eine gesunde Urteilsfähigkeit, was beides von Kindern nicht erwartet werden kann. Mit anderen Worten: Um das Internet alleine sinnvoll nutzen zu können, muss der Benutzer über Medienkompetenz verfügen! Die eigenständige Nutzung des Internets steht damit am Ende der Medienkompetenzerziehung, sollte schon vorher der Zugang ermöglicht werden, gibt es eine Aufsichtspflicht für die beteiligten Erzieher (Lehrer und Eltern), die aufgrund der schon genannten Mängel nicht an Schutzprogramme abgegeben werden kann. Wenn also, wie in Nordrheinwestfalen geschehen, Internetkindergärten eingerichtet werden, müsste für jeden Arbeitsplatz ein Erzieher zur Verfügung stehen, der die Aktionen der Kleinen im Internet begleitet und sie vor negativen Einflüssen durch kriminelle Angebote im Netz schützt. Gleiches gilt für Grundschulen und die Unter- und Mittelstufen der Weiterführenden Schulen.

 

Zusammenfassung

 

Wenn man Medienkompetenz als neue Kulturfähigkeit bezeichnet, bedeutet dies nicht, dass die alten Kulturfähigkeiten damit überflüssig wären. Es ist wichtig, die Reihenfolge zu beachten: Nach der Ausbildung der klassischen Kulturfähigkeiten ist Medienkompetenz eine notwendige Fähigkeit der Gegenwart. Wie gezeigt wurde ist die Ausbildung anderer Fähigkeiten ein wesentlicher Baustein der Medienkompetenzerziehung. Wer den Kindern von Heute den Einstieg in die Zukunft sichern will, muss darauf achten, dass die Grundfähigkeiten ausgebildet werden! Natürlich gehört der Computer in die Schule, aber nicht als Ersatz für bisherige Erziehungskonzepte, sondern als Ergänzung im Jugendalter.  

Auch wenn der Computer zum Einsatz kommt, muss den Schülern die Möglichkeit geboten werden, Vergleiche anstellen zu können zwischen herkömmlicher und computergestützter Arbeit. Neben der Suche nach Informationen im Internet muss die Suche nach Informationen in Bibliotheken weiterhin Bestandteil der Erziehung sein. Nur dann kann der Computer zu einem sinnvollen Werkzeug für den einzelnen werden und seinen berechtigten Platz in der Gesellschaft einnehmen.

 

Uwe Buermann 

 

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